Wie bleiben unabhängige Produzent:innen relevant? Rückblick auf „Die Grüne Couch“
Mord bei GZSZ, Creator auf Prime Video? Bei der dritten Ausgabe von „Die Grüne Couch“ im Garten des MediaTech Hub Potsdam wurde deutlich, dass diese Beispiele auf dieselbe Entwicklung verweisen: Die Produktionsrealitäten in Film, Fernsehen und Streaming haben sich spürbar verändert – und immer mehr unabhängige Produzent:innen passen sich den neuen Gegebenheiten an.
Zwei Branchen-Insider auf der Couch
Zu Gast waren diesmal zwei Branchenprofis, die diese Veränderungen seit Jahren aus nächster Nähe begleiten: Katja Bäuerle, Produzentin bei UFA Serial Drama und mit „GZSZ“ verantwortlich für eines der bekanntesten deutschen Serienformate, sowie Oliver Fuchs, Produzent und CEO von Roses Are Blue DE, der aktuell an der Schnittstelle von Creator Economy und Show-Entertainment arbeitet.
Im Zentrum des Gesprächs stand die Frage, wie man mit sich verändernden Sehgewohnheiten, neuen Distributionswegen und Erwartungen von Communities heute umgeht. Während etablierte TV-Formate teils alte Pfade verlassen, um sich bei treuen Fans neue Aufmerksamkeit zu schaffen, entstehen parallel auf Streaming-Plattformen Inhalte, die diese Aufmerksamkeits bereits aus der Creator-Economy mitbringen
GZSZ: Daily Soap wird zum Crime-Format
Ein besonders anschauliches Beispiel lieferte Katja Bäuerle mit Blick auf GZSZ: Die Serie, die seit 1992 fester Bestandteil des deutschen Fernsehmarkts ist, hatte zuletzt mit einem viel diskutierten Crime-Plot rund um den Mord an einer Figur kurzzeitig ihr gewohntes Genre verlassen. Damit bewegte sich das Format bewusst aus der vertrauten Soap-Dramaturgie heraus und griff Elemente auf, die man eher aus Thriller- oder Krimierzählungen kennt. Gleichzeitig befeuerte sie mit zusätzlichem Content in den sozialen Medien die Theorien der Community und sorgte für Berichterstattung in bundesweiten Medien. Katja Bäuerle spricht hier von einer „Eventisierung“ von Formaten.
„The Way Out“: Creator Economy auf Amazon Prime
Einen weitere Perspektive auf den sich verändernden Markt bot Oliver Fuchs: Er skizzierte, wie stark sich die Grenzen zwischen Creator Economy und professioneller Bewegtbildproduktion in den vergangenen Jahren verschoben haben. Formate entstehen heute nicht mehr ausschließlich aus Redaktionen oder Senderstrukturen heraus. Immer häufiger sind es Creatorinnen und Creator, die bereits ein Millionenpublikum mitbringen und damit „fertige“ Ausgangspunkte für Shows, Serien oder Entertainment-Formate bieten.
Als Beispiel nannte Fuchs die von ihm für Amazon-Prime produzierte Show „The Way Out“, die mit Julien Bam einen der bekanntesten deutschen Creator als Host in den Mittelpunkt stellt und die bereits um eine zweite Staffel verängert wurde.
Von Eventisierung zu Binge-Watching
Um in dem fragmentierten Medienumfeld sichtbar zu bleiben, setzen Produktionen stärker auf erzählerische Zuspitzung, auf bewusst gesetzte Ausnahme-Momente und auf eine kommunikative Verlängerung über soziale Kanäle hinweg. Einzelne Storylines werden dadurch zu Ereignissen, die weit über die eigentliche Episode hinausreichen.
Auch die Veränderung von Sehgewohnheiten spielt eine Rolle: Das Publikum ist heute nicht nur verteilt auf unterschiedliche Plattformen, sondern konsumiert Inhalte auch in anderen Rhythmen und Kontexten. Mobile Nutzung, Streaming und algorithmisch gesteuerte Feeds prägen Erwartungen an Tempo, Einstieg und Relevanz.
Hinzu kommen Creator-Kollaborationen, welche die Produktionslogik umdrehen. Wo bereits Communities vorhanden sind, müssen Inhalte nicht mehr mehr langfristig erprobt werden, die Entscheidungsfindung für ein Format wird verkürzt. Charaktere, Tonalitäten und Stories bauen auf bereits bestehenden Publikumsbeziehungen auf. Das kann Chancen eröffnen – etwa in Bezug auf Reichweite, Loyalität und Markenbildung.
Und welche Rolle spielt KI?
Angesichts des anhaltenden KI-Hypes stellt sich für viele in der Branche die Frage, wie sich Produktionsprozesse künftig verändern – etwa in der Entwicklung, Visualisierung oder Postproduktion. Oliver Fuchs glaubt jedoch: Selbst wenn künftig mehr Inhalte vollständig mit KI generiert werden können, wird weiterhin sichtbar bleiben, ob hinter einer Produktion erzählerisches Können, Figurenverständnis und filmische Erfahrung stehen.
Ein Blick in die Produktionszukunft
Die aktuelle Ausgabe von „Die Grüne Couch“ hat damit einmal mehr gezeigt, wie stark sich die Branche gerade im Wandel befindet: zwischen Daily Soap und Streaming-Show, zwischen Social-Media-Verlängerung und Fantreue, zwischen klassischem Expertenwissen und Plattformlogiken entstehen neue Modelle des Erzählens und Produzierens.
Die entscheidende Frage ist heute immer seltener, ob ein Format aus der alten oder der neuen Medien-Generation kommt. Entscheidend ist vielmehr, wie gut es gelingt, beides zusammenzudenken.

