ZWISCHEN SEXUELLER BEFREIUNG UND TABU
Sexualität und Lust, Intimität und Vorlieben – scheinbar etwas, das zur alltäglichen Normalität in unserer Gesellschaft geworden ist. Schließlich sind wir doch inzwischen offener und toleranter, als wir es noch vor zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren waren. Oder?
Die berühmte Redewendung “sex sells” gilt nach wie vor als Leitspruch für Popkultur und Marketingkampagnen. Es gibt große Messen wie die Venus, auf denen sich alles rund um Freizügigkeit und Erotik dreht. Und last but not least konsumiert ein Großteil der deutschen Bevölkerung regelmäßig pornografische Inhalte.
Hier verbirgt sich jedoch ein ‘Aber’, denn: Die Zielgruppe besteht in den meisten Fällen vorwiegend aus heterosexuellen Cis-Männern. Demnach sind sexualisierte Werbung sowie erotische bis pornografische Inhalte zumeist auf den sogenannten „männlichen Blick” ausgerichtet. Dies spiegelt sich allein in den Zahlen wider, wer regelmäßig Inhalte auf Pornoplattformen konsumiert: Laut einer Studie aus dem vergangenen Jahr gaben ca. 80 Prozent der männlichen Befragten an, regelmäßig Pornos zu schauen, bei Frauen sei es hingegen ein Drittel.
Daraus ergibt sich ein weiteres Problem: Das Fehlen von ‘sicheren Räumen’ zur Erkundung der eigenen Sexualität für etwa Frauen, non-binäre Personen und queere Menschen.
SEX-TECH FÜR MEHR SEX POSITIVITY
Interessant ist, dass es spätestens seit den 1970er Jahren Bestrebungen gibt, unter dem Stichwort “Sex Positivity” diesem Schamgefühl entgegenzuwirken und für mehr Gleichberechtigung zu sorgen. Und dennoch, auch heute wird Sexualität oftmals tabuisiert, besonders in Bezug auf marginalisierte Gruppen. Ein Beispiel, was sich daraus ergibt und diesen Zustand vor Augen führt, ist der Gender Gap beim Orgasmus. Fakt ist nämlich: Männer kommen im Durchschnitt wesentlich häufiger zum Orgasmus als Frauen.
Bei alldem gibt es allerdings auch etwas Positives zu vermelden: Denn die Bestrebungen, für mehr Gleichberechtigung und Sex Positivity einzustehen, sind keinesfalls erschöpft oder abgeflaut. So gibt es inzwischen auch Tech-Startups, die sich eben das zur Mission gemacht haben. Die Branche: Sex-Tech. Und ein Startup aus diesem Bereich, welches wir im aktuellen Blogbeitrag näher vorstellen möchten, ist xounds aus Berlin.
XOUNDS – EIN DIGITALER SAFER SPACE FÜR INTIMITÄT UND SEXUALITÄT
“xounds ist eine App, die wie ein SoundCloud für nutzergenerierte Audios rund um die Themen Intimität und Sexualität einen digitalen Safer Space zum Erkunden, Teilen und Lernen schafft”, erklärt Co-Founderin und CEO Cornelia Steinbock das Prinzip von xounds. Es handelt sich also um eine Plattform, auf der Nutzer:innen anonym und sicher Audioinhalte anhören, aber auch selbst hochladen können.
Der von den Nutzer:innen erstellte Content kann unterschiedliche Formate abdecken, wie Sounds, Hörspiele, Stories, Tutorials oder Podcasts. “Alle Nutzungsarten sollen einen befreien und dazu anregen, sich mit der Vielfalt von Intimität auseinanderzusetzen – sowohl in der Fantasie, als auch im echten Ausleben, und zwar auf respektvolle Art und Weise”, so Cornelia.
Und anders als bei vielen anderen Plattformen, auf denen erotische Inhalte verbreitet werden, richtet sich xounds als digitaler Safer Space nicht ausschließlich an ein männliches Publikum. Die App sei vor allen Dingen für Personen, “die sich selbst bisher selten repräsentiert fühlen”. Dazu zählen vor allen Dingen FLINTA*-Personen, ältere Menschen oder Paare, die an einer echten Intimität interessiert seien. Diesen Menschen wolle man laut Cornelia einen sicheren digitalen Raum bieten und eine Gelegenheit, “ihre Stimmen hörbar zu machen”.
“ETHISCHE KI ALS DIGITALES AWARENESS-TEAM”
Doch wenn die Inhalte von den Nutzer:innen selbst beigesteuert werden, wie kann Sicherheit garantiert und eine missbräuchliche Anwendung vermieden werden? Zunächst gilt es festzuhalten, dass nur auf der Plattform registrierte Personen Inhalte mit anderen teilen können. Beim Upload selbst kommt unter anderem eine “ethische KI als digitales Awareness-Team” zum Einsatz. Möchte jemand also eine Datei hochladen, findet laut Cornelia jedes Mal ein sogenannter “xoundcheck” statt. Dieser läuft folgendermaßen ab: “Zuerst wird ein live eingesprochener Konsenssatz überprüft, indem die aufgenommene Stimme mit der im hochgeladenen Audio abgeglichen wird. Abschließend wird der Inhalt des Audios auf Diskriminierungsfreiheit überprüft”, erklärt Cornelia.
Und falls es doch Ungewissheit geben sollte, wird die finale Überprüfung durch das Team selbst vorgenommen. So soll sichergestellt werden, dass alle veröffentlichten Inhalte den Richtlinien von xounds entsprechen. Für alle Eventualitäten gibt es darüber hinaus die Möglichkeit, dass die Nutzer:innen auch im Nachhinein entsprechende Audios melden können, sofern sie gegen Richtlinien verstoßen sollten.
EIN ABSOLUTES HÖRVERGNÜGEN
Neben Cornelia Steinbock ist Co-Founder Gabor Farkasch als CPO und CMO der zweite Kopf des Gründungsteams hinter xounds. Während Cornelia ursprünglich Politik- und Wirtschaftswissenschaften studiert hat und anschließend mehrere Stationen, wie beispielsweise im Bundestag, in der irischen Botschaft in Berlin, bei Menschenrechtsorganisationen oder zuletzt bei dem gemeinnützigen Verein Acker e.V. absolviert hat, ist Gabor Designer, Creative Director und Branding-Coach mit umfassender Erfahrung in digitaler Produktentwicklung und Markenstrategie und bringt seine Expertise bei xounds in den Bereichen UX-Design, Interface Design und visuelle Kommunikation mit ein.
Kennengelernt haben sie sich 2019. Während des Lockdowns in der Corona-Pandemie verfestigte sich ihre Freundschaft. “Plötzlich war alles nicht mehr einfach zugänglich: Clubs, Workshops und andere Begegnungsorte fehlten”, berichtet Cornelia. Es folgte das gegenseitige Versprechen, mehr auszuprobieren, sobald die Begegnungsorte wieder zugänglich sein sollten. Und einer dieser Orte war die sexpositive Szene in Berlin. Sie nahmen an Workshops zu Konsens sowie an Stigma-freien Partys teil, laut Cornelia eine sehr wertvolle Erfahrung: “Wir waren begeistert, wie viel man über seinen eigenen Körper, Wohlbefinden, Beziehungen und somit auch Sexualität in solchen so genannten ‘Safer Spaces’ lernen kann.”
Was ihnen jedoch auch klar geworden ist, war die Erkenntnis, “dass echte Orte zwar unheimlich wichtig sind”, aber Cornelia ergänzt auch, dass “vor allem durch digitale Begegnungsorte vielen Menschen ein Zugang gegeben werden kann”. So kann eine digitale Plattform wie xounds ein Türöffner sein, um Sexualität und Intimität zu erkunden.
Allerdings gab es keine solchen digitalen Begegnungsorte, die ihren Erwartungen entsprochen hätten. Und so überlegten Cornelia und Gabor gemeinsam, wie für sie “so ein digitaler Safer Space gestaltet sein sollte, um die Werte Konsens, Anonymität und Achtsamkeit mit einem respektvollen Austausch rund um echte, vielfältige Sexualität abbilden zu können”. Was dabei direkt feststand, war die Tatsache, dass Audio das perfekte Medium für ihre Idee ist. Cornelia erklärt das so: “Audio ermöglicht Anonymität und einen niedrigschwelligen Zugang für Menschen, die ihre Stimme, Fantasien, Fragen und mehr teilen wollen.” Bei ihrer Recherche habe sich schließlich bestätigt, dass Audio ein geeignetes Medium ist, um Wissen und Inspiration rund um Intimität und Sexualität zu vermitteln. Der Grundstein für die Gründung von xounds war damit gelegt.
WHAT’S NEXT?
Im April 2025 hat das Startup am Investment Readiness Program des MediaTech Hub Accelerators teilgenommen und ist seither Teil des Portfolios. Hier konnte das Team bisher wertvolles Wissen in Bezug auf Investment-Cases erlangen sowie während der Sessions mit Business Angels und anderen Gründer:innen spannende Insights gewinnen. Ein weiteres Benefit sei das bestehende Ökosystem in Potsdam. Zudem erhält xounds eine Förderung durch das EXIST-Gründungsstipendium in Kooperation mit der Universität Potsdam.
Und was sind die Pläne für die Zukunft? Laut Cornelia wolle man sich mit xounds international aufstellen und das Team etwas vergrößern. Zudem ist das Ziel, bis zu 10.000 aktive Nutzer:innen in den nächsten 12 Monaten auf der Plattform zu haben. Und um das Nutzungserlebnis weiter zu verbessern, wird auch an der App weitergearbeitet. Zusätzlich soll es weitere Features geben. Um diese Pläne zu finanzieren, ist das Team aktuell auf der Suche nach passenden Business Angels.
Mehr über xounds könnt ihr außerdem im xoundcast erfahren, dem Podcast der beiden Co-Gründer:innen Cornelia und Gabor. Demnächst sollen die einzelnen Episoden auf den üblichen Streamingportalen hochgeladen werden. Alle Folgen des xoundcasts gibt es allerdings jetzt schon in der xounds-App zu hören.