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Gründer Sebastian Herbst
Sebastian Herbst, Co-Gründer Arkanum Pictures GmbH

Jenseits des Greenscreens: Arkanum Pictures verändern Storytelling in Film & Fernsehen

Zwischen Tech-Transformation und Filmtradition hat sich das Startup Arkanum Pictures als einer der derzeit spannendsten Akteure am Standort Babelsberg positioniert. Auftritte bei der Berlinale und beim internationalen Series Mana Festival in Lille zeigen: Die junge Produktionsfirma um die Gründer Sebastian Herbst und Lukas Koll hat ihren Platz in der Medienbranche bereits behauptet. Dahinter steht ein innovativer Ansatz: Arkanum Pictures verbindet klassisches Produktionhandwerk mit disruptiver, technologischer Innovation. Durch Virtual Production (VP) und den Einsatz von KI in teils kollaborativen Formaten schaffen sie neue Möglichkeiten des Storytellings.

Mit Co-Gründer Sebastian Herbst haben wir über persönliche Meilensteine und seine Arbeit am Serienklassiker GZSZ gesprochen – aber auch über künstlerische Grenzen von Virtual Production.

MTH Potsdam: Hi Sebastian! Die Gründung von Arkanum Pictures ist jetzt bereits über zwei Jahre her – in der Zwischenzeit ist viel passiert. Was hat sich für euch als Startup verändert?

Sebastian Herbst: Ich glaube wir sind in Babelsberg angekommen. Eines unserer Ziele als innovative Produktionsfirma war immer, sich am Standort zu vernetzen und ein relevanter Player für mutige Projekte zu werden. Das ist uns geglückt. Wir sind in ständigem Austausch mit Studio Babelsberg, anderen lokalen Partner:innen wie ROTOR, Lavalabs, dem MTH und natürlich der Filmuniversität als Talentschmiede. Als Produzent:innen und Kreative mit einer progressiven Haltung und technologischem Know-How bilden wir eine Ergänzung zu diesem Ökosystem, die bislang – unserer Ansicht nach – gefehlt hat. Natürlich stehen wir zugleich immer noch am Anfang unserer Reise und wollen noch viel mehr und vor allem größere Projekte umsetzen.

MTH Potsdam: Eure Mitarbeitenden erhalten teils selbst die Rechte an von ihnen verantworteten Produktionen. Damit seid ihr schon früh einen für die Branche unkonventionellen Weg gegangen. Funktioniert er nach wie vor?

Sebastian Herbst: Ja, das ist eine weitere Säule unserer Firma. Wir sind dadurch offen für junge Produzent:innen, die ihre ersten größeren Produktionen umsetzen wollen und lernen so stetig voneinander. Durch diese Struktur sind wir sowohl national als auch international sehr präsent und können in gesundem Maß wachsen – was bei der aktuellen Marktsituation keine Selbstverständlichkeit ist.

MTH Potsdam: Lass uns über Frankreich sprechen: Vor kurzem habt ihr eure Serie „Ignition“ bei der Co-Pro-Pitching Session des Series Mania Festivals in Lille gepitcht. Wie lief das Event für euch?

Sebastian Herbst: Die Einladung selbst war eine riesige Ehre für uns. Wir gehören zu den 15 ausgewählten Projekten aus über 400 Einreichungen aus der ganzen Welt und stehen damit auf der relevantesten Bühne auf Europas größtem Serien-Branchenevent. Nach dem Pitch haben wir mit vielen potenziellen Partner:innen für das Projekt gesprochen, allen voran mit den großen World Sales, die die Serie perspektivisch international verkaufen können. Für uns als noch kleine Firma sind solche Kontakte wahnsinnig wertvoll. Es ist toll, sich in so einem Rahmen persönlich kennenzulernen und zugleich den „Stempel“ des Festivals zu erhalten. Ich habe jedenfalls einige Follow-ups zu schreiben und in den kommenden Wochen viel zu tun.

MTH Potsdam: … Das Festival gilt als Institution unter europäischen Filmschaffenden. Wie bereitet man sich auf so einen Pitch vor?

Sebastian Herbst: Der Co-Pro Pitch gilt als „Kernstück“ vom Forum und findet im größten Saal vor 800 Leuten statt. Das Festival selbst legt also großen Wert auf Professionalität. Wir haben mehrere Pitch-Trainings bekommen und viel geprobt. Durch so etwas lernt man auch das eigene Projekt nochmal besser kennen und bemerkt Unschärfen. Insofern: üben, üben, üben.

MTH Potsdam: Hat euch die Teilnahme bei der internationalen Vernetzung geholfen?

Sebastian Herbst: Ja, international und national sind wir durch das Festival besser vernetzt – wobei echte Vernetzung vor allem durch Beständigkeit wirklich Gewicht bekommt. Die potentiellen Partner:innen, die wir jetzt kennengelernt haben, treffen wir in Cannes, Venedig, der Berlinale oder nächstes Jahr bei Series Mania wieder. Dadurch, dass wir zusätzlich auch Teil der Seriesly Delegationsreise waren, hatten wir unsere kleinere Gruppe aus Berlin-Brandenburg, unterstützt durch das Medienboard Berlin-Brandenburg. Auch hier kennt man sich jetzt besser und bleibt im Austausch.

MTH Potsdam: Technologische Innovation wurde in der Filmwelt in der Vergangenheit mitunter kritisch gesehen. Habt ihr das Gefühl, die Branche öffnet sich gerade wieder?

Sebastian Herbst: Ich glaube eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Einerseits ermöglichen uns aktuelle Innovationen im Bereich KI neue Möglichkeiten, bestehende, sehr mühselige Arbeitsprozesse zu vereinfachen. Somit könnten wir als Europäer:innen auch größere Projekte angehen. Bislang passiert das aber kaum. Interessant ist jedoch, dass sich das historisch prekäre Arbeitsumfeld „Medienproduktion“ durch das Aufkommen von KI scheinbar noch weiter verschärft. Erst kürzlich wurde die Schließung von Pixomondo bekannt gegeben. Dieser Schock ist symptomatisch für die gesamte VFX-Branche und bereitet mir große Sorgen. Das könnte zu einem gewaltigen Brain Drain führen, wenn wir all diese Talente an andere Bereiche verlieren, die gar nichts mit der Medienproduktion zu tun haben – schlichtweg, weil es keine Jobs mehr für sie gibt. Insofern glaube ich, dass es hier nicht „die Branche“ gibt, sondern sehr viele unterschiedliche Stimmen, die auch ganz unterschiedlich auf das Thema blicken. Meine persönliche Prognose ist, dass sich bald Geschäftsmodelle durch KI entwickeln werden, die eher in Konkurrenz zur klassischen Medienproduktion stehen und von anderen Playern wie Google oder ByteDance selbst betrieben werden. Die spannende Frage ist, ob das auch vom Publikum angenommen wird. Die chinesischen TikTok-Daily-Soaps mit Hunden in historischen Kostümen geben uns da schon ein Indiz.

MTH Potsdam: Ihr habt euch in Potsdam Babelsberg gegründet und gehört zum Netzwerk des MediaTech Hub Potsdam. Ist der Standort nach wie vor ein Vorteil für euch?

Sebastian Herbst: Ja, der Standort ist für uns nach wie vor wichtig. Wir haben hier im Umkreis von einem Kilometer eine unglaubliche Bündelung von Expertise, Talent und Geschichte. Daraus kann man unserer Meinung nach noch so viel machen.

MTH Potsdam: Bei „GZSZ goes VP“ – einem Pilotprojekt der UFA Serial – liefert ihr seit kurzem einen Testcase für ein echtes Serien-Urgestein. Wie kam es dazu und wie erlebt ihr die Arbeit?

Sebastian Herbst: Das Projekt ist aus längeren Gesprächen und Überlegungen der unterschiedlichen Partner:innen entstanden. GZSZ war schon immer ein wahnsinnig innovatives Format, vor allem in seinen Prozessen. Es gleicht einer gut geölten Maschine, wo kein Zahnrad zu viel ist. Das ist beeindruckend, hat aber natürliche Grenzen in dem, was im Produktionsalltag denkbar ist und umgesetzt werden kann. Da liegt die Überlegung sehr nahe, was bei einem solchem Format mithilfe moderner Technologien möglich wird. Die Arbeit daran war für uns super! Wir konnten unsere Expertise in Virtual Production „on a Budget“ einbringen, uns mit den unterschiedlichen Partner:innen wie Lavalabs, ICT oder Studio Babelsberg und natürlich der UFA besser vernetzen und zugleich haben wir selbst wahnsinnig viel gelernt.

MTH Potsdam: Siehst du bei traditionellen Film- und Fernsehformaten noch viel ungenutztes Potenzial für Virtual Production – und siehst du künstlerische Grenzen beim Einsatz?

Sebastian Herbst: Es gibt natürlich künstlerische Grenzen und Virtual Production ist absolut kein Wundermittel für jedes Problem einer Produktion. Es gibt Anwendungsfälle, wo es sehr viel Sinn ergibt und wiederum solche, wo es einfach nicht passt. Wenn ich den Fernseher oder die Mediathek einschalte, sehe ich schon sehr viele Möglichkeiten – insbesondere in langlaufenden Formaten mit mittleren Budgets könnte man noch wahnsinnig viel herausholen. Und natürlich kann uns Virtual Production auch noch ganz neue Projekte ermöglichen, die bislang unmöglich oder undenkbar schienen. Warum nicht mal eine Weekly auf dem Mars oder eine Mockumentary in einer Tauchstation? Es gilt, von Fall zu Fall abzuwägen. Aber genau da setzen wir ja mit unserer Expertise und Beratung im Workflow an. Bei Virtual Production muss man immer aus dem Projekt heraus denken. Wenn es keinen Sinn ergibt, würden wir das auch offen sagen, sonst würde uns sehr bald schon niemand mehr als Partner in Betracht ziehen.

MTH Potsdam: Ihr wart Teil des MediaTech Hub Accelerator. Habt ihr konkrete Impulse aus dieser Zeit mitgenommen?

Sebastian Herbst: Für uns war die Vernetzung mit den Partner:innen am Standort besonders wichtig. Als Medienunternehmen funktionieren wir anders, als viele andere Start-Ups im Accelerator, da wir nicht klassisch investitionsbasiert arbeiten.

MTH Potsdam: Wenn alles optimal läuft: Welche Meilensteine kommen auf Arkanum Pictures in den nächsten Jahren zu?

Sebastian Herbst: Neben der Serie IGNITION natürlich die Produktion weiterer Kinofilme. Das bleibt für uns ein wichtiger Bestandteil unseres Profils. Wir wollen größere und internationalere Projekte umsetzen – als majoritäre Produzenten oder als minoritäre Co-Produzenten. Zudem haben wir gerade drei Immersive Experiences in der Produktion. Das ist für uns ein wahnsinnig spannendes Feld, da es noch so viel auszuprobieren und zu entdecken gibt. Zudem sind wir durch unsere Verbindung zu den Creative Technologists von der Filmuniversität und unsere Virtual Production-Projekte mit tollen Talenten vernetzt.Da wir uns als Firma ganz bewusst nicht bestimmten Formaten verschrieben haben, bleiben wir offen, auch in Richtung Gaming. Hauptsache progressiv und mutig.

MTH Potsdam: Welchen Rat würdest du Gründerinnen und Gründern, die sich in der Medienbranche etablieren wollen mit auf den Weg geben?

Sebastian Herbst: Ich weiß ja, dass die Stimmung im Moment nicht sehr gut ist und bekomme die Branchensituation oft genug auch selbst zu spüren. Um hier Rebecca Solnit zu zitieren: „Every crisis is in part a storytelling crisis“. Das Zitat besagt, dass eine Krise erst dann bewältigt werden kann, wenn wir aufhören, uns Geschichten der Verleugnung oder der Hoffnungslosigkeit zu erzählen. Die Art und Weise, wie wir über ein Problem sprechen, entscheidet maßgeblich darüber, ob wir es lösen können.

So komisch es klingen mag: Ich glaube, dass es im Moment keine schlechte Zeit zum Gründen ist – auch wenn der Markt etwas anderes zu sagen scheint. Wichtig ist dabei nur, kreativ zu sein. Und zwar nicht nur innerhalb der Projekte, sondern auch innerhalbbder Geschäftsmodelle. Gerade jetzt braucht die Medienbranche kreative und schlaue Leute, die Dinge anders und besser machen wollen. Auch mit Blick auf unsere Demokratie glaube ich, dass Firmen, die Dinge hinterfragen, sehr wertvoll sind. Der Bedarf an großartigen Medienschaffenden und neuen Narrativen ist riesig.

MTH Potsdam: Sebastian, Danke für das Gespräch.